Die Thüringer Ernte 2026 fällt deutlich schwächer aus als im Vorjahr, bleibt insgesamt aber von einer Missernte weit entfernt. „Hitze und Trockenheit haben in diesem Sommer deutliche Spuren hinterlassen. Die Ergebnisse unterscheiden sich allerdings erheblich nach Regionen und Kulturen“, sagte Thüringens Landwirtschaftsministerin Colette Boos-John heute bei der gemeinsamen Ernte-Pressekonferenz mit dem Thüringer Bauernverband (TBV) in der Gustav Zitzmann Mühle in Ingersleben. „Unter dem Strich ist die Ernte nicht zufriedenstellend, aber auch keine Katastrophe. Beim Getreide liegen wir trotz der schwierigen Witterung nur leicht unter dem langjährigen Durchschnitt.“
Nach den ersten vorläufigen Ergebnissen der Besonderen Ernte- und Qualitätsermittlung (BEE) werden in Thüringen in diesem Jahr rund 2,28 Millionen Tonnen Getreide geerntet. Das sind rund 300.000 Tonnen weniger als im besonders ertragreichen Erntejahr 2025, aber etwa so viel wie 2024. Zu berücksichtigen ist dabei auch, dass die Getreideanbaufläche gegenüber dem Vorjahr um gut 11.000 Hektar bzw. 3,3 Prozent auf rund 327.600 Hektar zurückgegangen ist. Der durchschnittliche Getreideertrag beträgt 69,46 Dezitonnen je Hektar und liegt damit neun Prozent unter dem Vorjahreswert, aber nur 2,2 Prozent unter dem Mittel der Jahre 2020 bis 2025.
Dabei zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Getreidearten. Vergleichsweise gut schnitten Wintergerste mit 81,59 Dezitonnen je Hektar (+8,6 Prozent gegenüber dem langjährigen Mittel), Sommergerste mit 58 Dezitonnen (+3,2 Prozent) und Triticale mit 63,5 Dezitonnen (+6,5 Prozent) ab. Der Sommerweizen liegt mit 55 Dezitonnen sowohl über dem Vorjahreswert und dem langjährigen Mittel. Deutlich schwächer fallen dagegen Winterweizen mit 69,44 Dezitonnen (-7,3 Prozent gegenüber dem langjährigen Mittel), Roggen mit 62,77 Dezitonnen (-3,1 Prozent) und Hafer mit 39,5 Dezitonnen (-6,6 Prozent) aus. Die Qualitätsanforderungen des Markts werden beim Getreide nach derzeitiger Einschätzung aber überwiegend erreicht; regional führen jedoch niedrige Hektolitergewichte und ein erhöhter Mutterkornbesatz (Pilzbefall) zu Einschränkungen und Preisabschlägen bei der Vermarktung.
Besonders ungünstig ist dagegen die Bilanz beim Winterraps: Mit lediglich 28,5 Dezitonnen je Hektar liegt der Ertrag rund 18 Prozent unter dem Vorjahr und dem langjährigen Mittel. Trotz leicht gestiegener Anbaufläche sinkt die Erntemenge damit von rund 340.000 Tonnen im Vorjahr auf etwa 282.000 Tonnen. Der Negativtrend der letzten Jahre hat sich damit fortgesetzt. Auch beim Körnermais werden mit voraussichtlich 80 Dezitonnen je Hektar unterdurchschnittliche Erträge erwartet. Bei Kartoffeln liegt die aktuelle Prognose bei lediglich 250 Dezitonnen je Hektar – rund ein Drittel weniger als im Vorjahr und im langjährigen Mittel. Das entspräche einer Erntemenge von nur rund 41.000 Tonnen. Bei Zuckerrüben werden derzeit 500 bis 600 Dezitonnen je Hektar gegenüber einem langjährigen Mittel von 728 Dezitonnen erwartet. Ursache sind auch hier vor allem die Hitze und das Niederschlagsdefizit im Juni und Juli.
Übersicht: Ertragsentwicklung bei Getreide und Raps
Fruchtart | Anbau-fläche 2026* (ha) | Ertrag 2026* (dt/ha) | Ertrag 2025 (dt/ha) | Ø 2020–2025 (dt/ha) | ggü. 2025 (%) | ggü. Ø 2020–2025 (%) |
Getreide insgesamt | 327.628 | 69,46 | 76,3 | 71,0 | –9,0 | –2,2 |
Weizen insgesamt | 204.368 | 68,48 | 77,2 | 73,9 | –11,3 | –7,3 |
Roggen | 6.087 | 62,77 | 66,7 | 64,8 | –5,9 | –3,1 |
Wintergerste | 69.898 | 81,59 | 85,6 | 75,1 | –4,7 | +8,6 |
Sommergerste | 32.042 | 58,0 | 64,5 | 56,2 | –10,1 | +3,2 |
Hafer | 6.068 | 39,5 | 46,9 | 42,3 | –15,8 | –6,6 |
Triticale | 9.087 | 63,5 | 62,9 | 59,6 | +1,0 | +6,5 |
Winterraps | 98.868 | 28,5 | 34,8 | 34,6 | –18,1 | –17,6 |
* Vorläufiges Ergebnis, Stand 21. August 2026.
Quelle: Thüringer Landesamt für Statistik / Besondere Ernte- und Qualitätsermittlung (BEE) 2026
Besonders angespannt ist die Lage bei den nicht von der BEE erfassten Futterkulturen. Bei Feldgras, Kleegras sowie auf Grünland (Wiesen und Weiden) hat die Trockenheit den weiteren Aufwuchs zuletzt nahezu zum Erliegen gebracht. Für Wiesen werden nur 40 bis 55 Dezitonnen Trockenmasse je Hektar, für Weiden 20 bis 40 Dezitonnen erwartet – insgesamt werden die Trockenmasseerträge des Grünlands voraussichtlich um 20 bis 30 Prozent unter dem mehrjährigen Mittel bleiben. Beim Silomais ist die Situation regional sehr unterschiedlich; derzeit wird mit durchschnittlich etwa 300 bis 320 Dezitonnen je Hektar gerechnet.
„Für viele tierhaltende Betriebe ist die Futterversorgung derzeit die drängendste Frage“, sagte Landwirtschaftsministerin Boos-John. „Die Situation ist angespannt, auch wenn Thüringen bislang nicht mit dem teilweise noch stärker betroffenen Süden Deutschlands vergleichbar ist. Entscheidend wird jetzt sein, ob die Niederschläge der vergangenen Tage anhalten und im September noch einen nutzbaren Aufwuchs ermöglichen.“ Regional sei auf den Weiden bereits seit Wochen eine Zufütterung notwendig. Hinzu kämen gestiegene Preise für Grobfutter sowie zusätzlicher Aufwand für die Versorgung mit Tränkwasser.
Für die landwirtschaftlichen Betriebe bleibt die Situation insgesamt wirtschaftlich schwierig, weil geringere Erntemengen auf teilweise niedrige Erzeugerpreise und weiterhin hohe Produktionskosten treffen. Zwar erwartet das Landwirtschaftsministerium trotz der Ernteausfälle derzeit keine signifikanten Preissteigerungen bei Getreide und Ölsaaten, da die internationalen Agrarmärkte weiterhin ausreichend versorgt erscheinen. Die wirtschaftlich angespannte Lage der Agrarbetriebe verschärft sich angesichts der aktuellen Situation jedoch weiter. Auch der Thüringer Bauernverband verweist auf erheblichen Preisdruck und teilweise deutlich niedrigere Erzeugerpreise als im Vorjahr.
Das Land ermöglicht deshalb kurzfristig Entlastung für tierhaltende Betriebe. So kann auf nach der KULAP-Maßnahme „Schonstreifen/Schonflächen“ geförderten Flächen befristet auch eine Beweidung mit Rindern und Pferden sowie eine Mahd zur Futtergewinnung beantragt werden. Weiterhin unter¬stützt der Freistaat die Forderung nach einer Aufstockung der geplanten EU-Düngemittelhilfen (in Höhe von 60 Millionen Euro) durch den Bund.
„Kurzfristig müssen wir dort helfen, wo die Futterversorgung und die Liquidität der Betriebe unter Druck geraten. Gleichzeitig dürfen wir uns nicht darauf beschränken, nach jedem Extremwetterereignis über Nothilfen zu diskutieren“, so Boos-John. „Landwirtschaft findet unter freiem Himmel statt. Schwankende Erträge und Wetterrisiken gehören deshalb zur Landwirtschaft dazu. Unsere Aufgabe ist es, die Betriebe dabei zu unterstützen, sich besser gegen diese Risiken zu wappnen.“
Dazu gehören nach Auffassung der Ministerin trockenheitsverträglichere Pflanzensorten, angepasste Fruchtfolgen und Bewirtschaftungsverfahren ebenso wie eine bessere Wasservorsorge. Die Thüringer Talsperren waren im Juli im Mittel zu rund 80 Prozent gefüllt. Darüber hinaus gibt es im Freistaat 57 sogenannte „herrenlose Wasserspeicher“, deren mögliche Nutzung als Wasserreservoir für die Landwirtschaft geprüft werden sollte. Thüringen setzt sich zudem für Instrumente ein, mit denen landwirtschaftliche Betriebe eigenständig finanzielle Vorsorge für wetterbedingte Ertragsausfälle treffen können. Bereits im vergangenen Jahr hatte Boos-John dazu eine Initiative für eine steuerfreie Risikoausgleichsrücklage gestartet.
Gastgeber der diesjährigen Ernte-Pressekonferenz ist die Gustav Zitzmann Mühle Ingersleben GmbH. Das 1898 gegründete Familienunternehmen blickt auf eine 128-jährige Tradition zurück und wird heute bereits in fünfter und sechster Generation geführt. Rund 15 Beschäftigte verarbeiten jährlich etwa 18.000 bis 20.000 Tonnen Getreide – vor allem Weizen, Roggen und Dinkel. Das Getreide stammt überwiegend aus einem Umkreis von rund 80 Kilometern; auch das daraus erzeugte Mehl wird größtenteils in der Region vermarktet. Insbesondere für das regionale Backhandwerk ist die Zitzmann Mühle damit ein wichtiger Partner.
„Die Zitzmann Mühle zeigt beispielhaft, wie regionale Wertschöpfung funktioniert: Getreide aus Thüringen wird hier verarbeitet und kommt über Bäckereien und Handel wieder zu den Menschen in der Region“, sagte Boos-John. „Eine leistungsfähige regionale Landwirtschaft braucht solche verlässlichen Partner in Verarbeitung und Vermarktung – gerade auch in schwierigen Erntejahren.“
Stephan Krauß
Pressesprecher