Thüringens Wirtschaftsministerin Colette Boos-John reist heute an der Spitze einer 55-köpfigen Wirtschaftsdelegation nach Argentinien und Brasilien. Stationen der Reise, die vom 31. Oktober bis zum 7. November dauert, sind Buenos Aires, Porto Alegre und Rio de Janeiro. Zur Delegation gehören Unternehmen aus Industrie, Landwirtschaft und Ernährungswirtschaft, Hochschulen und wirtschaftsnahe Forschungseinrichtungen sowie Vertreter von Thüringer Landtag, Kammern, Verbänden und weiteren Institutionen. An den fünf Hauptprogrammtagen sind insgesamt mehr als 40 Gesprächs-, Unternehmens- und Forschungstermine sowie Netzwerkveranstaltungen vorgesehen. Zudem sollen mehrere Kooperationsvereinbarungen geschlossen werden. Organisiert wird die Reise vom Thüringer Wirtschaftsministerium und der Landesentwicklungsgesellschaft Thüringen (LEG) mit Unterstützung der deutschen Auslandsvertretungen und der Auslandshandelskammern.
Hintergrund der Reise ist insbesondere das neue Handelsabkommen zwischen der Europäischen Union und den Mercosur-Staaten Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay, dessen Handelsteil im Mai dieses Jahres vorläufig in Kraft getreten ist. Es sieht einen schrittweisen Abbau von Zöllen und Handelshemmnissen vor und verbessert damit die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für den Handel zwischen beiden Regionen. „Das Mercosur-Abkommen eröffnet neue Chancen für unsere Unternehmen“, sagte Boos-John zum Auftakt der Reise. „Aber ein Abkommen allein schafft noch keine Aufträge. Dafür braucht es Marktkenntnis, persönliche Kontakte und die richtigen Partner. Genau dazu soll unsere Reise beitragen.“
Ziel sei es, die Wirtschaftsbeziehungen zu beiden Ländern auszubauen, neue Absatz- und Beschaffungsmärkte zu erschließen und Möglichkeiten für Investitionen, technologische Zusammenarbeit und gemeinsame Forschungsprojekte auszuloten. „Wir suchen nicht nur neue Märkte für Thüringer Produkte, sondern vor allem langfristige Partnerschaften“, so die Ministerin. Gerade angesichts zunehmender geopolitischer Spannungen und Handelskonflikte sei es wichtig, die internationalen Wirtschaftsbeziehungen breiter aufzustellen und Abhängigkeiten zu verringern.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die gezielte Ansprache potenzieller Investoren für den Wirtschaftsstandort Thüringen. Dazu sind unter anderem Workshops mit Multiplikatoren und Wirtschaftsorganisationen in Buenos Aires und Rio de Janeiro sowie weitere Gespräche in Porto Alegre vorgesehen. Ziel ist es, Investitionspotenziale auszuloten und eine Grundlage für weiterführende Aktivitäten der Thüringer Investorenwerbung zu schaffen.
Das Handelsvolumen Thüringens mit Brasilien lag 2025 bei rund 320 Millionen Euro, mit Argentinien bei rund 26,5 Millionen Euro. Derzeit unterhalten rund 70 Thüringer Unternehmen Exportbeziehungen nach Brasilien und 27 Exportbeziehungen nach Argentinien. Anknüpfungspunkte für die künftige Zusammenarbeit sieht Boos-John insbesondere im Maschinen- und Anlagenbau, in der Automatisierung, Optik und Photonik, Medizintechnik, Biotechnologie sowie in der Energie- und Umwelttechnik. Auch bei der Agrartechnik, Saatgutaufbereitung, Lebensmittelverarbeitung und modernen landwirtschaftlichen Produktionsverfahren gebe es interessante Kooperationsmöglichkeiten.
Zum Reiseprogramm gehören Gespräche mit Regierungsvertretern in Argentinien sowie mit den Regierungen der brasilianischen Bundesstaaten Rio Grande do Sul und Rio de Janeiro. In Buenos Aires stehen unter anderem Termine im Außen-, Deregulierungs- und Landwirtschaftsministerium sowie ein Dialog zum EU-Mercosur-Abkommen auf dem Programm. Hinzu kommen zahlreiche Unternehmens- und Forschungsbesuche, Branchengespräche und Kooperationsveranstaltungen. In Brasilien sind unter anderem Treffen mit den Industrieverbänden FIERGS und FIRJAN, Besuche beim Technologiekonzern TDK und beim Rohstoffunternehmen Vale sowie Gespräche mit der Stadtregierung von Rio de Janeiro vorgesehen. Darüber hinaus sollen neue Kooperationen zwischen Thüringer und südamerikanischen Wissenschafts- und Forschungseinrichtungen vereinbart werden.
„Wir kommen in wirtschaftlich, aber auch politisch spannenden Zeiten nach Südamerika“, sagte Boos-John. In Argentinien wolle sie sich auch über die Erfahrungen mit dem wirtschaftspolitischen Reformkurs, dem Bürokratieabbau und der Sanierung der Staatsfinanzen informieren. In Brasilien, wo gerade die Präsidentschaftswahl stattgefunden hat, stünden vor allem die industrielle Entwicklung, neue Technologien und die Möglichkeiten einer vertieften wirtschaftlichen Zusammenarbeit im Mittelpunkt.
Ein weiterer Schwerpunkt der Reise ist die Landwirtschaft. Vorgesehen sind Gespräche mit Landwirtschaftsvertretern und Betrieben über moderne Produktionstechnologien, Effizienzsteigerungen und mögliche gemeinsame Projekte. Zugleich will die Ministerin die unterschiedlichen Interessen im Agrarhandel ansprechen. „Wir wollen die Chancen des Mercosur-Abkommens nutzen. Dazu gehören aber auch faire Wettbewerbsbedingungen und wirksame Schutzmechanismen für unsere Landwirtschaft“, betonte Boos-John. „Auch darüber wollen wir vor Ort sprechen.“
Weiterhin sollen auch Möglichkeiten einer engeren Zusammenarbeit bei der beruflichen Ausbildung und Fachkräftegewinnung ausgelotet werden. Dabei geht es insbesondere um die sprachliche und berufliche Vorbereitung junger Menschen auf eine Ausbildung in Thüringen, etwa im Rahmen der German Professional School (GPS), die nach Neuausrichtung künftig unter der Bezeichnung ThALENT firmiert. Gespräche mit Schulen, Sprach- und Bildungseinrichtungen in beiden Ländern sollen hierfür mögliche Anknüpfungspunkte aufzeigen.
„Entscheidend ist für mich, was mittel- und langfristig für unsere Unternehmen und Einrichtungen herauskommt“, sagte Boos-John. Zwar würden nicht jedes Geschäft und jeder Auftrag unmittelbar während einer solchen Delegationsreise vereinbart – aber doch die Grundlage für künftige Kooperationen gelegt. „Wenn aus unseren Termin und Gesprächen neue Geschäftsbeziehungen, gemeinsame Entwicklungen und konkrete Projekte entstehen, dann haben wir unser Ziel erreicht.“
Stephan Krauß
Pressesprecher